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CLM Literaturtipp
Plinio Martini: 
Requiem für Tante DomenicaPlinio Martini: Requiem für Tante Domenica Natürlich konnte ihr merkwürdiges Erlebnis nicht ohne weitere Untersuchung hingenommen werden; sie wurde, was Marco betraf, von der spitzigen Nase Tante Domenicas, und was Giovanna betraf, vom Doppelkinn Leonildes ebenso entschieden wie diskret durchgeführt. Jede der beiden häßlichen Feen forschte angstvoll in der ihr anvertrauten Seele, mit verstohlenen Sondierungen und indirekten Andeutungen, was doch hätte passieren können - ein junger Bursch und ein Mädchen ganz allein beisammen, viele stunden lang, zugegeben, unter dem Auge Gottes, aber doch fern von menschlichen Blicken...RezensionZur Rezension...

La Lupa

La Lupa ist anders. Wenn die in Zürich lebende Tessinerin italienische Lieder oder Gedichte singt, taucht sie in die Ozeane der Gefühle ein - und mit ihr das Publikum. Was heisst singen: La Lupa erleidet die melancholisch-tragischen Texte. Dann trägt ihr Vortrag Brecht'sche Züge. Doch wo echter Witz vor (fast) nichts haltmacht, darf Tragik komisch werden, Frivolität ergreifend. Dort hat - wie im wirklichen Leben - überschäumende Lebenslust neben stiller Trauer Platz, einladende Weiblichkeit neben ernster Zurückhaltung. La Lupa präsentiert aber keine Show, sie ist eine.

La Lupas beeindruckende Bühnenpräsenz ist von entwaffnender Natürlichkeit. So bestimmt auch nicht die ausgeklügelte Dramaturgie Ablauf und Gestik. Das Leben selbst, La Lupas ureigene Lebensfreude wie ihre Leidensfähigkeit machen die Darbietung zur Schau. Und wo das Leben so spielt, spielt auch La Lupa: in Theatern, in Gärten, Schlössern, Museen und Sälen, auf Plätzen, auf Terrassen, Dächern und Schiffen. Die Texte singt La Lupa in ihrer Muttersprache. Und wer kein Italienisch versteht - versteht trotzdem.

La Lupa ist eben wirklich anders. Weitere Informationen...

CLM Literaturtipps

Plinio Martini: Nicht Anfang und nicht Ende. Roman einer Rückkehr

Plinio Martini: 
Nicht Anfang und nicht Ende. Roman einer Rückkehr

"Nicht Anfang und nicht Ende" ist mit Sicherheit einer der schönsten Romane, die sich jemals dem Tessin widmeten. Plinio Martini, 1979 verstorbener Volksschullehrer aus dem Maggiatal, schildert in einer kraftvollen und klaren Sprache ein Auswandererschicksal, bis in die 50er Jahre häufige Biografie der Bewohner der bitterarmen Bergtäler um den Lago Maggiore. Gori, der Protagonist des Buches, entflieht Hunger und Armut des Maggiatals nach Kalifornien und lässt Familie und Freunde, Sprache, Kultur und seine Liebe Maddalena zurück. Nach zwanzig Jahren kehrt er zurück; Maddalena ist tot, der Vater gebrechlich, die Mutter behindert und auch sonst ist in der erträumten Heimat nichts mehr wie es war: einsame Almen, auf denen er die wenigen versteckten romantischen Momente mit Maddalena verbrachte sind neuerdings bevölkert von Sommerfrischlern mit Autos und Kofferradios. Der entwurzelte Bauernsohn ist doppelt heimatlos geworden, er kehrt zurück in eine "Heimat", die nach dem Schlusssatz von Adornos Prinzips Hoffnung "allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war".

Mit von unterdrücktem Zorn vibrierender Sprache dekonstruiert Martini das folkloristische Zerrbild vom Tessin als Sonnenstube der Schweiz. Stattdessen schildert er in sich einbrennenden Bildern ein Leben in Armut und religiös-bigotter Einengung, die Allgegenwärtigkeit des Todes und die Willkür der lebensfeindlichen Natur. Heimat hat nun aber nichts damit zu tun, ob einem diese Heimat Ihre Zuneigung gastfreundlich ausbreitet oder sich diese hart erkämpfen lässt. Womöglich sehnt sich Gori - niemals wirklich angekommen im kalifornischen Exil - umso mehr nach einer Heimat, weil er diese verlassen musste, nachdem er diese in zähem Ringen, mit durch die Zähne gepresstem Fluch, akzeptiert hatte. Während er im fernen Kalifornien seine Zugehörigkeit zum Tessin mit sich herumtrug, fühlt er sich nun, zurückgekehrt, als Amerikaner.

Und so zieht das Buch seine stärksten und bewegendsten Momente aus den zärtlichen Momenten mit Maddalena, scheuen Begegnungen, immer unter dem strengen Auge von Familie und Kirche, Blicken, Gesten und mehr Neugier als tatsächlich erfüllte Liebe. Gori geht nach Amerika mit der Hoffnung, Maddalena würde ihm nachfolgen und kehrt wieder in ein ihm fremd gewordenes Land - lebensfreundlicher aber nicht mehr seines. Und diese altersmilde Rückschau auf eine aufkeimende Liebe macht den Roman, bei aller Wut, weitaus weniger bitter und unversöhnlich als beispielsweise Bianconis "Stammbaum".

Plinio Martinis Roman ist eine Pflichtlektüre für den wirklich interessierten Lago Maggiore-Urlauber mit dem Wunsch, etwas über die tatsächlichen Lebensbedingungen in den ach-so-romantischen Bergdörfchen zu erfahren. Den es womöglich bewegt, dass von neun Kindern einer Familie vielleicht zwei überlebt haben, von denen dann eines auswanderte und das andere als Schornsteinfeger in Mailand verreckte. Der Autor ist soweit entfernt vom Alpbauern-Folklore-Kitsch wie die Übernachtung auf einem verfaulten Strohsack in einem zugigen Steinhaufen von einer Almhütte von einem Hüttenabend im 4-Sterne-Hotel in Ascona. Aber "Il fondo dell sacco", so der Original-Titel, ist eine der ganz wenigen Liebesgeschichten, die mich an irgendeiner Stelle berührt haben. Das mag gegen mich sprechen, aber mit Sicherheit für das Buch.

Im wie immer jeglichen kommerziellen Interesses unverdächtigen und mit einem großen Herz für aussterbende Literatur versehenen Züricher Limmatverlag sind von Martini außerdem "Fest in Rima" und "Requiem für Tante Domenica" erschienen.


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