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CLM Literaturtipp
Pia Todorovic-Strähler: 
Märchen aus dem TessinPia Todorovic-Strähler: Märchen aus dem Tessin Was man sich beim Maisschälen alles erzählt (hat) "Vor vielen, vielen Jahren lebte ein armer Fischer mit seiner Frau und seinen zwölf Kindern. Die waren alle Faulpelze und hatten keine Lust zu arbeiten." Was man sich da nicht alles erzählt hat, wenn die Zeit lang wurde in den Ställen, am Feuer, beim Maisschälen: Der Teufel wird von listigen Frauen hereingelegt, der Wolf vom Fuchs und der liebesbedürftige Pfarrer von Bäuerin und Bauer, die kein Geld für neue Kleider haben oder der Herrgott schaut bei Dörflern vorbei und prüft ihre Gastfreundschaft. Es sind Fabeln und Legenden nach klassischer Art, Märchen von Brüdern, faulen Mädchen, Zauberern und Räubern - darunter Variationen von bekannten wie Aschenputtel -, aber auch lustige Schwänke und Schildbürgergeschichten, die an den Decamerone erinnern.RezensionMehr Informationen...

La Lupa

La Lupa ist anders. Wenn die in Zürich lebende Tessinerin italienische Lieder oder Gedichte singt, taucht sie in die Ozeane der Gefühle ein - und mit ihr das Publikum. Was heisst singen: La Lupa erleidet die melancholisch-tragischen Texte. Dann trägt ihr Vortrag Brecht'sche Züge. Doch wo echter Witz vor (fast) nichts haltmacht, darf Tragik komisch werden, Frivolität ergreifend. Dort hat - wie im wirklichen Leben - überschäumende Lebenslust neben stiller Trauer Platz, einladende Weiblichkeit neben ernster Zurückhaltung. La Lupa präsentiert aber keine Show, sie ist eine.

La Lupas beeindruckende Bühnenpräsenz ist von entwaffnender Natürlichkeit. So bestimmt auch nicht die ausgeklügelte Dramaturgie Ablauf und Gestik. Das Leben selbst, La Lupas ureigene Lebensfreude wie ihre Leidensfähigkeit machen die Darbietung zur Schau. Und wo das Leben so spielt, spielt auch La Lupa: in Theatern, in Gärten, Schlössern, Museen und Sälen, auf Plätzen, auf Terrassen, Dächern und Schiffen. Die Texte singt La Lupa in ihrer Muttersprache. Und wer kein Italienisch versteht - versteht trotzdem.

La Lupa ist eben wirklich anders. Weitere Informationen...

CLM Literaturtipps

Plinio Martini: Requiem für Tante Domenica

Plinio Martini: 
Requiem für Tante Domenica

Plinio Martini lebte von 1923 bis 1979 in Cavergno im Maggiatal als Volksschullehrer, Lyriker, Romancier und Erzähler. Besonders mit seinem Roman "Nicht Anfang und nicht Ende" hinterließ er der Tessinliteratur einen schwer verdaulichen Brocken. Martini tritt auf als Bewahrer einer verschwundenen bäuerlichen Kultur der südschweizer Alpentäler und Chronist der rasanten Veränderungen technischer und gesellschaftlicher Art, welche die jahrhundertealten Traditionen im Maggiatal und seinen Seitentälern nachhaltig und effektiv beendeten.

Und so ist das "Requiem für Tante Domenica" natürlich nicht nur ein Abgesang auf die verblichene Anverwandte sondern auf eine ganze Kultur. Die Erzählung spielt im Val Bavona, einem engen und steilen Seitental des Val Maggia, der Ort Aldrione ist fiktiv, steht aber stellvertretend für die Lebensbedingungen im Bavonatal noch im frühen 20. Jahrhundert. Am Totenbett der alten Jungfer und erzkatholisch-tugendhaften Moralwächterin Domenica sitzt der ins Heimatdorf zurückgekehrte Neffe Marco und beschwört - angesichts der sich in die Länge ziehenden Zeremonie - Jugenderinnerungen herauf.

Im Zuge der wachsenden Industrialisierung des Maggiatals, der zunehmenden Motorisierung und Verbindung der entlegenen Bergtäler mit der "Außenwelt", angesichts der Aufgabe der jahrhundertealten Almwirtschaft und Lockerung katholischer Moralverdikte erscheinen Marcos Erinnerungen wie eine Reise in ewig zurückliegende Zeiten.

Martini erzählt von oftmals freudloser Knochenarbeit, Gottesfurcht im angstbesetzten, wörtlichen Sinne, von Krankheit, von körperlicher Entbehrung und Entsagung, von Armut und Auswanderung. Wenig romantisches erscheint da - abgesehen einmal von Marcos im Schutze des Gewitters im Heu verbrachten Nacht mit seiner Jugendliebe Giovanna - und kaum etwas, das man mit der klischeebeladenen "Sonnenstube" der Schweiz verbinden würde. Im Gegenteil wird ein genaues Bild der religiösen und weltlichen Kultur der armen Bergregionen und seiner oft kauzigen Bewohner gezeichnet, das von "Heidi" genausoweit entfernt ist wie die Alp Solögna von der Talsohle.

Dabei ist "Requiem für Tante Domenica" - wie auch "Fest in Rima" - aber glücklicherweise nicht in Bitterkeit verhaftet. Mindestens ebenso oft wie in "Nicht Anfang und nicht Ende" verfluchen die Bewohner ihr Schicksal, an diesem elenden Flecken Erde geboren zu sein, tragen aber schwer daran, wenn sie es verlassen müssen, weil das Land die Mäuler nicht ernähren kann. Überdeutlich wird, dass Marco sein Bavonatal in sich trägt und auch im deutschschweizer Exil noch aus jeder Pore atmet. Und das ist allemal lebenswerter und stolzer als der furchtbar unsympathische Einbruch der Moderne in Gestalt schnatternder Touristen oder des gräßlich amerikanisierten Auswanderers Giacomo. Dabei ist das Büchlein verschmitzt erzählt und erfreut oft genug durch einen gehörigen Hieb Ironie wie er nur an schwierigen Lebensbedingungen geschliffen werden kann.

Martini ist eine der wenigen authentischen und ergiebigen Quellen für jeden Tessin-Urlauber mit Interesse an Land, Leuten und Geschichte - mithin ein Muß für alle, die sich für den Ursprung der pittoresken Steinhäuslein im Val Maggia - jenseits aller Folklore - interessieren und natürlich für alle, die gern wandern.

Kai Tippmann


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